Die TH OWL bietet ihren Mitarbeitenden eine Psychosoziale Erstberatung an. Welches Ziel verfolgt dieses Angebot und warum ist es gerade heute so wichtig?
Sandra Nüsse: Unser Ziel ist es, Mitarbeitenden frühzeitig und unkompliziert Unterstützung anzubieten. Gerade heute erleben viele Menschen eine hohe Belastungsdichte – im Beruf wie auch im privaten Leben. Da ist es wichtig, Unterstützung nicht erst dann anzubieten, wenn jemand bereits am Limit ist.
Gleichzeitig können auch akut sehr schwerwiegende Situationen auftreten, wo die Erstberatung zumindest eine Anlaufstelle sein kann, um eine erste Entlastung zu erfahren.
Zudem möchten wir auch Führungskräfte für psychosoziale Belastungen sensibilisieren und Unterstützung anbieten. Neben der persönlichen Belastung kann es eben auch zu herausfordernden Führungssituationen kommen, beispielsweise wenn eine Führungskraft unsicher ist, wie sie auf eine belastete Mitarbeiterin oder einen belasteten Mitarbeiter zugehen oder eine schwierige Situation ansprechen kann. Die Beratungsstelle kann hier einen geschützten Raum für Reflexion und Orientierung bieten.
Sie merken vielleicht schon, es geht weniger darum, sofort eine fertige Lösung zu erhalten, sondern vielmehr, dass jemand zuhört, mit sortiert und gemeinsam mit der/dem Mitarbeitenden schaut: „Was brauche ich jetzt eigentlich?“
Mit welchen Anliegen können sich Beschäftigte an die Psychosoziale Erstberatung wenden? Gibt es typische Themen, die besonders häufig vorkommen?
Dr. Gerlinde Dingerkus: Die Mitarbeitenden können sich mit allen Themen, die sie sowohl privat als auch dienstlich belasten, an die Psychosoziale Erstberatung wenden – und das tun sie auch. Ich könnte nichts nennen, was besonders häufig vorkommt, die Vielfalt der Themen entspricht der Vielfalt dessen, was Menschen erleben und was sie ausmacht. Da sehe ich beispielsweise Beschäftigte, die Probleme mit ihren heranwachsenden Kindern, Konflikte in der Ehe oder einen Erbstreit haben, genauso wie solche, die auf Grund von beruflichen Aufgaben oder kollegialen Konflikten an ihre Grenzen kommen.
Dass private Themen hier auch ihren Raum finden dürfen, ist darin begründet, dass den vier Institutionen – neben der TH OWL die Hochschule für Musik, die Stadt und das Landestheater Detmold – sehr bewusst ist, dass Belastungen nicht an den Türen zur Dienststelle abgegeben werden und bis Arbeitsende draußen warten. Sie beschäftigen und beeinträchtigen die Beschäftigten teilweise so sehr, dass nicht nur die Arbeitsleistung, sondern auch die Motivation nachlassen. Das stellt für alle Beteiligten – Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Teamkolleginnen und -kollegen – eine große Herausforderung dar.
Wichtig ist es, sicher zu wissen, dass es sich nicht nur um ein erstes, sondern auch mit drei Terminen um ein begrenztes Angebot handelt, denn die Beratung soll und kann nicht einen therapeutischen Prozess ersetzen.
Gab es Situationen oder Rückmeldungen aus der Praxis, die Ihnen besonders deutlich gezeigt haben, wie wichtig ein solches Beratungsangebot ist?
Dr. Gerlinde Dingerkus: Ab und zu melden sich Ratsuchende im Nachgang zu den Beratungsgesprächen, daher würde ich gern O-Töne zitieren, das macht die Antwort vielleicht etwas anschaulicher: „[…] unser Gespräch war für mich sehr hilfreich und hat noch nachgewirkt. Ich gehe derzeit wieder entspannter ins Büro und kann mich innerlich besser distanzieren, wenn sich eine negative Dynamik ergibt.“ oder „Unser Gespräch tat mir sehr gut, und ich fühle mich dadurch sicherer und gestärkt in meiner Entscheidung.“ Oder „[…] wir hatten am Wochenende mit der ganzen Familie ein sehr offenes und ausführliches Gespräch mit Lösungsansätzen. Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe.“
Vielfach bedarf es nicht der langen Begleitungsprozesse, sondern eher ganz konkreter Tipps, Hinweise oder auch des Infragestellens der bisherigen Strategien. Durch das Offenlegen kann sich der Knoten oft schneller lösen: Dinge werden besprechbarer, und die Motivation kann langsam wieder Fahrt aufnehmen.
Sandra Nüsse: Für mich sind die Momente ganz besonders, wo Mitarbeitende Monate oder gar Jahre nach dem ersten Kontakt wiederholt Frau Dr. Dingerkus aufsuchen, wenn ein weiteres Thema aufkommt. Auch die Tatsache, dass Mitarbeitende untereinander eine Empfehlung des Angebots aussprechen, werte ich als eine positive Rückmeldung und als Zeichen, dass das Angebot einen großen Mehrwert hat. Zudem ist es für mich ein Hinweis, dass Frau Dingerkus es geschafft hat, eine vertrauensvolle Arbeitsbasis gemeinsam mit den jeweiligen Beschäftigten zu schaffen.
Viele Menschen zögern, sich Unterstützung zu suchen. Welche Hemmschwellen beobachten Sie, und wie möchten Sie diese abbauen?
Dr. Gerlinde Dingerkus: Ja, das ist tatsächlich so, wobei man aber auch sagen muss, dass es inzwischen immer mehr Menschen gibt, denen bewusst ist, dass sie mit ihrem aktuellen Problem nicht allein dastehen und wissen, dass es normal ist, wenn im Leben „nicht alles glatt läuft“, wenn ich es einmal so ausdrücken darf. Ein kleines Sprichwort macht das sehr deutlich: „Unter jedem Dach ein Ach!“
Aber es gibt eben auch viele Gründe für das Zögern. Da denkt jemand vielleicht: „Das schaffe ich allein!“ Oder: „Ich habe noch nie fremde Hilfe in Anspruch genommen!“ Oder: „So schlimm ist es noch nicht, dass ich eine Psychologin brauche!“
Sandra Nüsse: Ja, da kann ich Frau Dr. Dingerkus zustimmen. Ich vermute, dass einige auch denken, ihr Problem sei nicht groß genug für eine Beratung. Selbst bei kleineren Fragestellungen lohnt sich jedoch ein Blick über den Tellerrand mithilfe einer Außenperspektive. Warum also warten, bis das sprichwörtliche Kind in den Brunnen gefallen ist?
Mir ist es ein persönliches Anliegen, etwas zur Entstigmatisierung psychischer Herausforderungen und zum weiteren Abbau von Hemmschwellen beizutragen. Das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) möchte deshalb vermitteln: Unterstützung in Anspruch zu nehmen, ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil – es kann ein höchst verantwortungsbewusster Schritt sein.
In Kontakten mit Mitarbeitenden und Führungskräften, die ich im Rahmen meiner Tätigkeit an der TH OWL habe, informiere ich daher sehr häufig proaktiv über dieses wichtige Angebot.
Zusätzlich versuche ich BGM-seitig auch immer wieder einmal, Angebote zu schaffen, die von Frau Dr. Dingerkus direkt geleitet werden. So erhoffe ich mir, dass das dadurch niedrigschwelligere Kennenlernen der Beraterin eine spätere Kontaktaufnahme für eine Einzelberatung erleichtert.
Dr. Gerlinde Dingerkus: Ich glaube, dass darüber hinaus ein ganz wichtiges Element darin besteht, dass die Unterstützung zeitnah erfolgt. Denn manchmal handelt es sich um akute Krisen, oder aber die Problematik hat sich über längere Zeit angestaut: In beiden Fällen ist es gut, wenn nach einer Kontaktaufnahme rasch ein Gespräch möglich ist. Denn wenn diese Hürde einmal genommen ist, merken die Menschen, die zu mir kommen, wie gut es tut, die Themen auszusprechen und gemeinsam über Lösungswege nachzudenken.
Und wie Frau Nüsse bereits erwähnte: Inzwischen sind es immer mehr die Ratsuchenden selbst, die die von Ihnen angesprochenen Hemmschwellen abbauen, indem sie ihren Kolleginnen und Kollegen von ihren eigenen Erfahrungen erzählen und empfehlen, die Gelegenheit eines Gespräches wahrzunehmen.
Wo liegen die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen einer Psychosozialen Erstberatung? Wann wird an weiterführende Hilfsangebote vermittelt?
Dr. Gerlinde Dingerkus: Die Möglichkeiten dieses Angebots sind vielfältig. Es eröffnet den Ratsuchenden, anders auf Erlebtes zu schauen, die Perspektive zu verändern, Entscheidungsprozesse zu überdenken, unterstützt aber auch bei Fragen des Arbeitgebers in Akutsituationen, wie etwa bei plötzlichen Todesfällen, und das immer absolut zeitnah.
Aber natürlich fragen Sie auch zu Recht nach Grenzen. Die gibt es, insbesondere wenn psychische Belastungen längerfristige Auswirkungen haben, vielleicht sogar in einer psychischen Erkrankung münden oder aber diese, wenn sie bereits bestand, vulnerabler macht für berufliche Beeinträchtigungen. Dann braucht es mehr als nur die wenigen Termine bei der Psychosozialen Erstberatung. Da suchen wir dann gemeinsam nach anderen Ansprechpersonen, seien es Beratungsstellen, stationäre oder teilstationäre Angebote oder auch niedergelassenen Psychotherapeutinnen und -therapeuten, wenngleich man hier auch mit Wartezeiten rechnen muss.
Eine andere Grenze gibt es, wenn Probleme strukturelle Ursachen haben, zum Beispiel durch bestimmte institutionelle Rahmenbedingungen. Hier liegt der Ball sozusagen im Feld des Arbeitgebers, der nach Möglichkeit durch organisatorische Maßnahmen aktiv werden sollte, wie etwa durch Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen.
Vertraulichkeit ist bei einem solchen Angebot entscheidend. Wie stellen Sie sicher, dass Ratsuchende offen über ihre Situation sprechen können?
Dr. Gerlinde Dingerkus: Hier kann ich nur immer wieder versichern, dass die Schweigepflicht und der Datenschutz nicht nur rechtlich bindend sind, sondern auch für mich persönlich ethisch und moralisch von zentraler Bedeutung. Das sind für Ratsuchende aber erst einmal nur Worte. Sicherheit und Vertrauen gewinnen sie nach dem ersten Kontakt. Und das ist auch meine Erfahrung: Die Menschen, die zu mir kommen, brauchen keinen langen Anlauf, um offen über ihre Situation zu sprechen.
Ich glaube und hoffe, dass sie in ihrem Gegenüber zwar eine Expertin für psychologische Fragen sehen, aber eben auch einen Menschen, der zuhört, der neutral, unvoreingenommen und wertschätzend ist, und dem sie vertrauen und sich dann eben auch anvertrauen können.
Wie läuft eine Psychosoziale Erstberatung konkret ab – vom ersten Kontakt bis zum Beratungsgespräch?
Dr. Gerlinde Dingerkus: In der Regel ist es so, dass Ratsuchende sich per E-Mail, SMS oder Anruf bei mir melden – manchmal nur mit der Bitte um einen Termin, manchmal mit einer kurzen Beschreibung, was sie dazu bewegt, sich zu melden.
Wenn es jemand telefonisch versucht, ist es häufig so, dass ich nicht direkt ans Telefon gehen kann. Dann ist es gut, wenn die Betreffenden auf die Box/Voicemail sprechen, denn um bereits hier die Vertraulichkeit zu wahren, rufe ich bei dienstlichen Nummern, wenn ich keine Ansage erhalte, nicht zurück. Danach vereinbaren wir einen Termin spätestens innerhalb einer Woche und treffen uns dann in meinem Büro in Detmold, Neustadt 20, in den Räumen der Hochschule für Musik.
Wenn es terminlich oder örtlich nicht anders möglich ist, findet das Gespräch in Form eines Online-Termins oder auch telefonisch statt; da richte ich mich nach den Möglichkeiten der Ratsuchenden. Auch besteht die Möglichkeit, das Gespräch auf englisch zu führen, was von Mitarbeitenden der Hochschulen oder des Landestheaters ab und zu genutzt wird.
Welchen Beitrag leistet die Psychosoziale Erstberatung aus Ihrer Sicht zu einer gesundheitsfördernden und wertschätzenden Arbeitskultur an der TH OWL?
Sandra Nüsse: Für mich sendet das Angebot vor allem eine wichtige Botschaft: Wir sehen die Mitarbeitenden nicht nur in ihrer Funktion, sondern als Menschen. Eine gesundheitsfördernde Arbeitskultur entsteht nicht allein durch ergonomische Arbeitsplätze oder Bewegungsangebote. Dazu gehört auch, dass Belastungen angesprochen werden dürfen, und die Mitarbeitenden wissen, wo sie Unterstützung bekommen können.
Wenn Mitarbeitende erleben, dass es einen geschützten Raum mit fachlicher Expertise gibt, in dem sie mit ihren Sorgen und Fragestellungen ernst genommen werden, ist das ein wichtiger Baustein für eine Arbeitskultur, in der Gesundheit, ein offener Umgang mit Belastungen und gegenseitige Unterstützung einen festen Platz haben.
Wenn Sie alle Mitarbeitenden der TH OWL mit einem Satz erreichen könnten: Warum sollten sie wissen, dass es dieses Angebot gibt?
Sandra Nüsse: Weil es stark ist, sich Unterstützung zu holen, bevor aus „Mir ist das gerade zu viel“ ein „Ich kann nicht mehr“ wird.
Wir danken Ihnen beiden für dieses Gespräch. Schön, dass Sie sich die Zeit für dieses wichtige Thema genommen haben!
Bemerkung zum Schluss: Diplom-Psychologin Dr. Gerlinde Dingerkus geht Anfang kommenden Jahres in den Ruhestand. Das Beratungsangebot bleibt erhalten. Wir werden natürlich über das „neue Gesicht“ der Beratungsstelle informieren.
Näheres zum Thema unter: www.th-owl.de/intern/zentrale-themen/gesundheit/psychosoziale-erstberatung
Quelle: Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe (th-owl.de)Bildnachweis: © Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe


