29. Mai 2026 / Stadt Detmold

Innehalten, wo das Unrecht begann: Acht neue Stolpersteine in Detmold

Bürgermeister Frank Hilker würdigt jüdische Persönlichkeiten – Schulen übernehmen Patenschaften und gestalten würdiges Gedenken

Veröffentlicht am 29. Mai 2026 um 14:47 Uhr

Detmold. Mit der Verlegung von acht neuen Stolpersteinen an drei Standorten hat die Stadt Detmold ein wichtiges Zeichen für die lebendige Erinnerungskultur und gegen das Vergessen gesetzt. Die feierlichen Einweihungen in der Elisabethstraße, der Freiligrathstraße und der Lemgoer Straße wurden maßgeblich von Detmolder Schülerinnen und Schülern des Gymnasium Leopoldinum und der Geschwister-Scholl-Gesamtschule sowie von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lippe gestaltet. Insgesamt zählen die Straßen der Kulturstadt nun 42 dieser dezentralen Mahnmale: 41 Stolpersteine und eine Stolperschwelle.

Persönlichkeiten des Bildungssystems diesmal im Mittelpunkt

Die hinzugekommenen Stolpersteine erinnern an Detmolder Bürgerinnen und Bürger, die das gesellschaftliche und schulische Leben der Stadt bis zu ihrer systematischen Ausgrenzung und Ermordung durch das nationalsozialistische Regime tief geprägt haben. Im Fokus des Gedenkens standen die Lehrerin Hedwig Block, der Lehrer und Prediger Moritz Rülf mit seiner Ehefrau Erika sowie das Ehepaar Max und Elli Alexander, das die jüdische Bildungsarbeit und Seelsorge unter extremsten Bedingungen bis zu seiner Deportation fortführte.

Bürgermeister Frank Hilker unterstrich in seinen Worten den außergewöhnlichen Charakter des Projekts Stolpersteine, das vor rund drei Jahrzehnten von dem Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufen wurde. Die NS-Ideologie, so Hilker, habe auf die vollständige Vernichtung von Leben, Identität und Erinnerung abgezielt. Das dezentrale Mahnmal breche die anonyme Masse der Millionen Opfer auf das Schicksal des Einzelnen herunter: „Wenn wir heute diese Steine in den Bürgersteig einlassen, setzen wir genau dort an, wo das Unrecht begann: mitten im Alltag, vor den ehemaligen Wohnhäusern und Wirkungsstätten unserer früheren Nachbarinnen und Nachbarn.“

Starkes Zeichen der Jugend: Schulen übernehmen Verantwortung

Ein zentraler Bestandteil der Verlegungen war das besondere Engagement der jüngeren Generation. Schülerinnen und Schüler des Gymnasium Leopoldinum sowie der Geschwister-Scholl-Gesamtschule übernahmen nicht nur die Patenschaften für die Pflege der neuen Stolpersteine, sondern zeichneten auch für die feierliche Ausgestaltung der Zeremonien verantwortlich. Mit bewegenden Wort- und musikalischen Beiträgen, eigens erarbeiteten künstlerischen Werken sowie der sensiblen Gestaltung von individuellen Gedenksteinen verliehen die Jugendlichen der Veranstaltung eine tiefe, persönliche Würde.

Dieses Engagement knüpft direkt an den Appell des Bürgermeisters an, der die doppelte Bedeutung der Gedenkarbeit hervorhob: den Blick nach unten auf die historischen Fakten vor Ort und den Blick nach vorn als moralische Pflicht für die Gegenwart. „Gedenkarbeit ist kein Selbstzweck und keine reine Pflichtübung gegenüber der Vergangenheit. Sie ist eine ständige Überprüfung unseres eigenen Kompasses im Hier und Jetzt“, machte Frank Hilker deutlich.

Die Biografien von Hedwig Block, Familie Rülf und Familie Alexander hielten den Detmolderinnen und Detmoldern schmerzhaft vor Augen, wie schnell ein Rechtsstaat erodieren kann und wie existenziell Zivilcourage, Bildung und gegenseitige Unterstützung in einer funktionierenden Gesellschaft sind.

Würdevoller Abschluss und Dank

Den emotionalen und spirituellen Schlusspunkt der jeweiligen Einweihungen setzten Joanne Herzberg und Petra Hölscher von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Sie sprachen am Ende der Zeremonien an allen drei Verlegeorten das traditionelle jüdische Totengebet (Kaddisch) sowohl in hebräischer als auch in deutscher Sprache und schenkten den Anwesenden damit einen Moment des Innehaltens.

Bürgermeister Frank Hilker richtete einen großen Dank an alle Beteiligten, insbesondere an die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die den entsprechenden Antrag in den Detmolder Stadtrat eingebracht hatte: „Ich danke allen Beteiligten, die durch ihre Mitwirkung und historische Recherche die Verlegung dieser acht Steine ermöglicht haben. Sie leisten damit einen unverzichtbaren Beitrag für das demokratische Bewusstsein unserer Stadt.“

Bildunterzeilen:
Stolpersteine_Elisabethstraße: An der Elisabethstraße wurden fünf Stolpersteine im Gedenken an die Familie Rülf verlegt.
Stolpersteine_Freiligrathstraße: Der Lehrerin Hedwig Block ist der Stolperstein an der Freiligrathstraße gewidmet.
Fotos: Stadt Detmold

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